Quellen: Was die KI-Antworten nicht zeigen
KI-Systeme nennen bei Nachrichtenfragen vor allem wenige grosse Medien. Warum, lässt sich von aussen nicht prüfen.
4'811 Quellenverweise aus 675 Anfragen. So viele hat die Denkfabrik Agora Digitale Transformation ausgewertet. Sie wollte wissen, welche Quellen KI-Systeme zeigen, wenn man sie nach politischen und gesellschaftlichen Nachrichten fragt.
Wer mit KI recherchiert, prüft am Original, ob die Quelle die Aussage trägt. Davon handelt Fund, Fassung, Befund.
Davor liegt der Fund: Welche Quellen bekomme ich überhaupt zu sehen? Diesen Schritt kann ich als Nutzerin kaum prüfen.
Der Befund
Die Verteilung ist steil. Von den 544 Domains der Hauptauswertung erscheinen 248 nur ein einziges Mal. Artikel von welt.de dagegen zitieren die Systeme 380-mal. Wenige reichweitenstarke Medien prägen die Antworten, die meisten anderen tauchen kaum auf.
Dazu kommt: Die untersuchten Systeme zeigten unterschiedliche Quellenprofile. Je nach Anbieter, Thema und Formulierung der Frage änderte sich, welche Medien auftauchten. Wer dieselbe Frage anders stellt, kann andere Quellen bekommen.
Was fehlt, sieht man der KI-Antwort nicht an. Eine Liste mit fünf Quellen wirkt vollständig. Welche Quellen das System aussortiert hat, steht nirgends.
Was Verträge damit zu tun haben können
Im Dezember 2023 kündigten OpenAI und Axel Springer eine Partnerschaft an. ChatGPT sollte Zusammenfassungen von POLITICO, Business Insider, BILD und WELT anzeigen, auch von kostenpflichtigen Beiträgen, mit Quellenangabe und Link. Die Inhalte sollten ausserdem in das Training der Modelle einfliessen.
In der Studie erhält welt.de bei ChatGPT 264 Zitationen, mit grossem Abstand vor allen anderen Quellen. Die Autorinnen erklären das mit der Kooperation zwischen Axel Springer und OpenAI. Die Erklärung liegt nahe. Die Zahlen zeigen aber nur die Häufung, nicht ihren Grund. Belegt ist: Verträge bestimmen mit, welche Inhalte einem System überhaupt zur Verfügung stehen.
Was die Studie nicht zeigt
Nach welchen Kriterien ein System Quellen auswählt, dokumentiert keiner der untersuchten Anbieter. Die Studie misst, was zitiert wird, nicht weshalb. Erhoben wurde an fünf Werktagen im Mai 2026, mit Nachrichtenfragen zu fünf Themen. Über Fachrecherchen sagt sie nichts aus.
Die Erklärung über den Vertrag lese ich deshalb als begründete Vermutung, nicht als Befund. Das gilt auch dann, wenn sie meine eigene Einschätzung stützt.
Was daraus folgt
Eine Quellenliste der KI ist eine Auswahl, kein Überblick. Wer ein Thema vollständig braucht, sucht zusätzlich selbst.
Fehlt eine Quelle, die man erwartet, etwa ein Fachmedium oder die Primärquelle, fragt man gezielt danach oder sucht direkt dort.
Wo die Auswahl prüfbar sein muss, gehört die Quellenbasis in eigene Hand. In einer eigenen Wissensbasis steht fest, welche Dokumente drin sind. Im Testfall Seeblick sind es zehn.
Was eine KI-Anwort zeigt, prüft man am Besten an der Quelle. Was sie weglässt, sieht nur, wer selbst sucht.
Quellen
Benert, Vivien / Timmermann, Stina (2026): Meinungsbildung im Wandel. Wie KI-Systeme Quellen bei der Nachrichtensuche selektieren. Agora Digitale Transformation, Juli 2026. DOI: 10.5281/zenodo.21162562.
OpenAI (2023): Partnership with Axel Springer to deepen beneficial use of AI in journalism. Unternehmensmitteilung vom 13. Dezember 2023.
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