KI-Sicherheit: Entscheidend ist die Kontrolle über Daten und Zugriffe
Der Serverstandort ist ein wichtiger Prüfpunkt
Eine belastbare Sicherheitsbewertung erfasst zusätzlich Datenflüsse, Zugriffsrechte, Betreiberrollen und Verantwortlichkeiten.
In Gesprächen mit Verantwortlichen aus Organisationen und inhabergeführten Unternehmen habe ich die Frage mitgenommen: “Wie wichtig ist der Serverstandort?”
Die Frage ist berechtigt. Ein Rechenzentrum in der Schweiz stehend, sagt wenig darüber aus, wer die Systeme administriert und Protokolldaten einsehen kann. Auch nicht, welche möglichen Subunternehmen beteiligt sind und in welchen Umgebungen Daten verarbeitet, gesichert oder analysiert werden.
Für eine Entscheidung braucht es eine spezifiziertere Frage: “Wer soll die wirksame Kontrolle über Infrastruktur, Datenverarbeitung und Zugriffe haben?”
Die Kontrolle entscheidet darüber, ob eine Organisation ihre Verantwortung bei einem Sicherheitsvorfall gegenüber Aufsicht, Kundschaft oder Verwaltungsrat nachvollziehbar wahrnehmen kann.
Der Serverstandort ist eine Koordinate im Gesamtbild
Der Standort eines Rechenzentrums beeinflusst Datenschutz, Verträge, Behördenzugriff und Risiken. Für Schweizer Firmen erfüllt er viele Anforderungen. Wichtiger sind aber vier weitere Aspekte:
Datenflüsse: Welche Inhalte, Metadaten, Protokolle und Backups wohin gelangen?
Zugriffsrechte: Wer intern oder extern erhält administrativen oder operativen Zugang?
Betreiberstruktur: Welche Anbieter, Konzerngesellschaften und Subunternehmer sind beteiligt?
Nachweisbarkeit: Welche Logs, Prüfberichte, Verträge und Audits belegen die Kontrollen?
Ein Schweizer Rechenzentrum kann Teil einer international verwalteten Plattform sein. Lokal betriebene Lösungen bieten mehr Kontrolle, erfordern aber zuverlässige interne Fähigkeiten. Sicherheit entsteht durch klare Rollen, wirksame Schutzmassnahmen und überprüfbare Prozesse.
Cloud-Nutzung ist eine Entscheidung über Abhängigkeiten und Sicherheit
Cloud- und Softwaredienste übertragen Teile des Betriebs an externe Anbieter. Das Bundesamt für Cybersicherheit beschreibt Cloud Computing deshalb als Form des IT-Outsourcings.
Aus dieser Einordnung folgt eine konkrete Führungsaufgabe: Anbieterwahl, Vertragsgestaltung, technische Konfiguration, laufende Überwachung und Exit-Planung gehören zusammen. Diese Abhängigkeit besteht bereits vor dem Einsatz generativer KI.
Sie betrifft unter anderem:
Systemadministration und Wartung,
Identitäts- und Berechtigungsmanagement,
Backups und Wiederherstellung,
Protokollierung und Fehleranalyse,
Unterauftragnehmer und Supportzugriffe,
Preis-, Lizenz- und Produktänderungen,
Datenexport und Anbieterwechsel.
Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte hält fest, dass das verantwortliche Unternehmen bei einer Auftragsbearbeitung die Verantwortung für die datenschutzkonforme Bearbeitung behält. Dazu gehören die Prüfung des Anbieters, der eingesetzten Subunternehmen, der Sicherheitsmassnahmen und allfälliger Datenbekanntgaben ins Ausland.
KI-Schnittstellen vergrössern das Risiko eines Datenabflusses
Externe KI-Dienste fügen eine weitere Verarbeitungsstufe hinzu. Daten werden an ein externes Modell oder eine Plattform gesendet und dort laut Vertrag, Produkteinstellung und Technik verarbeitet. Betroffen sind Eingaben, Dokumentauszüge, Anhänge, Metadaten, Antwortverläufe, Telemetrie und Protokolle.
Entscheidend ist der konkrete Dienst: Anbieter unterscheiden sich bei Speicherung, Modelltraining, Protokollierung, Verschlüsselung, Regionen, Subunternehmern und Administratorzugriffen.
Eine zuverlässige Prüfung folgt fünf Fragen:
Welche Daten werden übertragen?
Zu welchem Zweck werden sie verarbeitet?
In welchen Systemen und Regionen geschieht das?
Wer hat technischen, administrativen oder vertraglichen Zugriff?
Wie lassen sich Verarbeitung, Löschung und Zugriffe nachweisen?
Diese Fragen sind besonders wichtig bei Mandatsdaten, Gesundheitsdaten, Personaldossiers, Verträgen, Entwicklungsunterlagen sowie Verwaltungsrats- und Strategieunterlagen. Berufsgeheimnis, gesetzliche Vorgaben und vertragliche Vereinbarungen können zusätzliche Anforderungen stellen.
Lokale KI: Mehr Kontrolle bedeutet mehr Verantwortung
Lokale KI bedeutet, dass Speicherung, Modellbetrieb und Protokolle unter Ihrer eigenen Kontrolle stehen. Der Sicherheitsvorteil liegt auf der Hand: weniger Datenbewegung und massgeschneiderter Zugriff.
Gleichzeitig steigt damit die operative Verantwortung. Organisationen müssen intern die Ressourcen und das Know-how für vier Kernbereiche sichern:
Sicherheit & Schutz: Systemhärtung, laufende Updates sowie Verschlüsselung und das Schlüsselmanagement.
Zugriff & Überwachung: Berechtigungen, Authentifizierung, lückenlose Protokollierung und die Reaktion auf Vorfälle.
Betrieb & Qualität: Kontinuierliche Modellpflege, Qualitätssicherung und eine verlässliche Dokumentation.
Notfallplanung: Backups, Wiederanlaufpläne und regelmässige Sicherheitsüberprüfungen.
Bei hohen Geheimhaltungsanforderungen und eigener Betriebskompetenz bieten lokale Systeme mehr Kontrolle.
RAG macht Wissensordnung zur Sicherheitsfrage
Dokumentgestützte KI-Systeme, sogenannte RAG-Systeme (Retrieval-Augmented Generation), verbinden künstliche Intelligenz direkt mit dem Unternehmenswissen. Damit wird Wissensmanagement zu einer zentralen Governance- und Sicherheitsaufgabe.
Eine robuste Governance muss vor dem Rollout folgende Kernbereiche regeln:
Berechtigungen & Schutzklassen: Wie werden bestehende Zugriffsrechte nahtlos in die KI-Wissensbasis übernommen? Wer darf welche Inhalte abrufen?
Datenhaltung & Lebenszyklus: Wo liegen Dokumente, Vektordaten und Protokolle? Wie laufen Aktualisierung, Löschung und der Entzug von Zugängen ab?
Qualität & Transparenz: Wie werden veraltete oder widersprüchliche Inhalte erkannt? Werden Quellen in den KI-Antworten sauber ausgewiesen?
Haftung: Wer verifiziert die KI-Ergebnisse, bevor darauf basierend geschäftliche Entscheidungen getroffen werden?
RAG macht wertvolles Wissen sofort zugänglich. Ohne saubere Governance verstärkt die Technologie jedoch bestehende Berechtigungsfehler im Unternehmen. Ein gut geführtes System hingegen liefert präzise Antworten und sichert jede Aussage durch klare Quellennachweise ab.
So sichern Entscheider ihre KI-Projekte ab
Die Wahl zwischen Cloud, lokaler Infrastruktur und hybriden Modellen betrifft Datenschutz, Cybersicherheit, Kosten, Wartbarkeit und strategische Handlungsfähigkeit.
Vor einer Freigabe sollten Verantwortliche fünf konkrete Ergebnisse einfordern:
Datenklassifikation: Schutzbedarf, zulässige Nutzung und ausgeschlossene Inhalte sind definiert.
Datenflussbild: Speicherorte, Verarbeitungsschritte, Schnittstellen, Protokolle und Sicherungen sind dokumentiert.
Verantwortungsmatrix: Betrieb, Freigabe, Kontrolle, Vorfallbearbeitung und fachliche Prüfung sind zugeordnet.
Anbieternachweis: Verträge, Subunternehmen, Sicherheitsmassnahmen, Auditmöglichkeiten und Exit-Regeln sind geprüft.
Betriebsnachweis: Zugriffe, Änderungen, Löschungen und relevante Ereignisse lassen sich nachvollziehen.
Rechtlicher Rahmen: Bei einer Datenbearbeitung mit hohem Risiko für Persönlichkeit oder Grundrechte verlangt das Schweizer Datenschutzgesetz (DSG) zwingend eine Datenschutz-Folgenabschätzung.
Da der EDÖB betont, dass das DSG direkt auf KI-gestützte Datenbearbeitungen anwendbar ist, gehört die Transparenz über Zweck, Funktionsweise und Datenquellen von Anfang an in die strategische Planung.
Im Ernstfall die Fäden in der Hand behalten
Ein tragfähiges Sicherheitskonzept bewährt sich bei einer Störung, einem Datenabfluss oder einem plötzlichen Anbieterwechsel. In diesem Moment braucht Ihre Organisation sofort klare Antworten:
Wer erkennt und bewertet den Vorfall?
Wer sperrt Zugänge und sichert Beweise?
Welche Daten und Personen sind betroffen?
Welche Melde- und Informationspflichten greifen?
Wie werden Betrieb und Daten wiederhergestellt?
Wie lassen sich Daten exportieren oder vollständig löschen?
Wer erklärt den Betroffenen und Behörden die getroffenen Entscheidungen?
Sicherheit entsteht nicht auf dem Papier. Sie behalten die Kontrolle über Ihre Daten, wenn Sie handlungsfähig bleiben und im Krisenmoment genau wissen, wer was zu tun hat.
Quellenhinweise
EDÖB: Datenbearbeitungen in der Cloud
EDÖB: KI und Datenschutz
BACS: Technologiebetrachtung Cloud Computing und Cybersicherheit, 2. Mai 2025
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf meinen eigenen Beobachtungen, umgesetzten Lösungen und erprobten Beratungslösungen.